Michel gehört zur Riege der „Wir haben was ganz anderes gesucht“ Pferde. Geplant war eigentlich ein gut ausgebildetes Anfängerpferd, mittelgroß, mittelwild, mittelstark. Da ich als Wiedereinsteiger nicht zu den sattelfestesten Reitern gehöre und unsere Tochter auch auf dem eigenen Pferd reiten sollte – wenn auch größentechnisch erst etwas später – wäre das perfekt gewesen. Wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass Kaltblüter mich schon immer fasziniert haben.

Aufs Kaltblut gekommen

Im Februar 2018 ist Michel bei uns eingezogen – der Start einer schwierigen Zeit für uns alle. Eigentlich das völlig falsche Pferd für uns, das noch dazu mit einigen gesundheitlichen Baustellen kam. Aber hier hat das Herz entschieden – nicht nur meines.

Michel kam recht verstört und nervös bei uns an. Wir hatten Kontakt zu Michels Züchter aufgenommen, der tatsächlich froh war von ihm zu hören. Im November 2017 verließ Michel seine Heimat in Nordrhein-Westfalen, angeblich als Privatverkauf. Danach kam eine Odyssee von Händler zu Händler, bis wir ihn im Januar hier in Oberbayern entdeckt haben. Er hat seine heile Welt verloren und über Monate keine neue gefunden.

Alles auf Start

Wir haben beschlossen, nochmal ganz von vorne mit Michel anzufangen. So kam eine mobile Bereiterin ins Spiel, zu der wir Michel schlussendlich für 6 Wochen in den Beritt an einen nahegelegenen Hof gaben. Dort hat er sich so wohl gefühlt (und wir uns auch) dass wir beschlossen haben zu bleiben – unsere heutige Heimat im Weilheimer Moos. Seither hat Michel regelmäßigen Beritt, wir nehmen Reitstunden, gehen aber auch sehr gerne ins Gelände. Das ist Michels wirkliche Leidenschaft: entspannt und ausdauernd durch die Landschaft laufen. Da zeigt sich auch seine charakterliche Stärke, denn Michel ist extrem entspannt und schreckfrei im Gelände. Mittlerweile haben wir seine Ausbildung vor der Kutsche wieder in Angriff genommen und waren mit dem Einspänner bereits unterwegs. Michel scheint daran großen Gefallen zu finden.

Die „stoische Ruhe“ unterstellt man Kaltblütern oft zu Unrecht. Mit Michel haben wir einen wirklich hochsensiblen Kerl erwischt – was auch unsere Trainerin, den Tierarzt und nicht zuletzt uns selbst immer wieder vor Herausforderungen stellt. Er reagiert sehr feinfühlig auf die Energie von Menschen. Tatsächlich hatten wir schon Situationen, in denen wir z.B. die Reithalle verlassen mussten, weil die Anwesenden ihn förmlich zum Erstarren brachten. Unser Michel ist extrem feinfühlig und braucht unheimlich lange, um Vertrauen aufzubauen.

Woran wir arbeiten

Im Moment beschäftigen wir uns viel mit der akademischen Reitkunst nach Bent Branderup. Es ist das feine Reiten und die feinen Hilfen, was uns fasziniert, denn Michel fühlt sich immer dann am wohlsten, wenn man so viel wie möglich weglässt. Aktuell gewöhnen wir ihn an gebissloses Reiten nach der Struktur von Jossy Reynvoet, was auch wunderbar funktioniert. Und natürlich spannen wir ihn weiter vor die Kutsche – rausgehen ohne Reiter auf dem Rücken ist für Michel tatsächlich die reinste Entspannung.

Wir haben unseren Michel ins Herz geschlossen und wollen ihn nicht mehr missen. Auch wenn wir von so vielen Menschen immer wieder gefragt wurden, warum wir diesen „Problemfall“ nicht einfach verkaufen und uns was „Gescheites“ suchen, stand das nie wirklich zur Debatte. Michel hat bei uns seine neue heile Welt gefunden, und wir tun alles dafür, dass das so bleibt.

Wenn ihr Michels Alltag verfolgen möchtet findet ihr ihn auf Instagram unter @michel.learns.to .

Bild: Copyright by Gerhard Bleicher