and found a friend.

Ein Pferd ist dazu da, geritten zu werden. Oder gefahren. Oder zumindest, um am Boden irgendwie Spaß zu machen, wenn das andere gerade mal nicht geht.

Das ist wahrscheinlich eine weit verbreitete Meinung, wenn man Pferdebesitzer fragt, warum sie ein Pferd besitzen. Ich selbst habe es lange Zeit nicht anders gesehen, schließlich habe ich mein Pferd ja gekauft, um es zu reiten. Und seit neuestem, um es vor die Kutsche zu spannen. Menschen, die sich Gedanken darüber gemacht haben, was ihr Pferd gerade tun möchte, habe ich meistens amüsiert belächelt. Und damit wisst ihr auch schon, um was es heute geht.

Mein Pferd Michel tut sich mit dem Reiten nicht so leicht. Weil er es nie wirklich gelernt hat, und weil er eine Vorgeschichte hat, die ich nicht so recht entziffern kann. Es gibt Tage, an denen für ihn die Sonne scheint, und es gibt Tage, da machen ihm Dinge zu schaffen, von denen ich nichts weis. Wie gern würde ich an einem solchen Tag einmal seine Gedanken lesen. Was ich mittlerweile sehr gut lesen kann ist seine Körpersprache. Zum Glück.

Heute nicht

So kam also der Tag, an dem ich Michel wieder reiten wollte. Besser gesagt: ich wollte üben aufzusteigen, denn Michel bleibt nicht an der Aufstiegshilfe stehen. Ich war motiviert und griff beherzt zum Hocker.

Ihr könnt euch denken, dass es anders kam. Michel blieb nicht stehen. Mehr noch, er wurde nervös. Ich übte weiter. Er wurde nervöser. Ich wurde sauer. Er bekam Angst. Michel reagiert so unendlich empfindlich auf jede kleine Anspannung in mir, und so können wir uns innerhalb kürzester Zeit hochschaukeln. Ich wollte unbedingt aufsteigen. Und er wollte unbedingt, dass ich verstehe, dass es nicht geht. Bis seine Anspannung förmlich zu greifen war.

Ich weiß nicht, was an diesem Tag nicht gestimmt hat, welche alten Geister in seinem Kopf gekämpft haben. Aber ich weiß, dass ich in meinem Ehrgeiz mein Ziel zu erreichen, zum Glück irgendwann die Stopp-Schilder erkannt habe, die in meinem Kopf aufgeleuchtet sind.

Von jetzt an anders

Es gibt diese Momente, in denen man weiß, dass ab jetzt alles anders sein wird. Für mich war in diesem Augenblick glasklar, dass das nicht der Weg ist, den ich mit meinem Pferd gehen will. Dass es nur um mein Ego ging. Nicht um ihn und seine Geister. Und so geht das eben nicht, wenn man ein Team sein will. So geht das nicht, wenn man erreichen möchte, dass das Pferd einem wirklich vertraut. Wer vertraut schon jemandem, der nie zuhört und permanent nur auf seinen Willen achtet? Wie soll man auch gemeinsame Sache machen, wenn immer nur einer bestimmt. Eben.

Da standen wir also, Auge in Auge in dieser Halle neben unserem Hocker. Ich habe aufgehört zu wollen, wovor Michel Angst hatte. Er hat seinen Kopf gegen mich gelehnt und sich umarmen lassen. Kopf an Kopf. Herz an Herz. Nicht mehr Reiter und Pferd, sondern Partner. Freunde. So wie die, die ich immer belächelt habe. Ich bin jetzt eine von ihnen.

Tatsächlich hat sich seit diesem Tag viel zwischen uns geändert. Wir lachen viel. Wir freuen uns wieder über kleine Schritte. Wir genießen viel mehr die Zeit miteinander. Er macht gespannt jede Übung mit. Natürlich gibt es auch in unserem Zusammenspiel Regeln, die felsenfest im Raum stehen, und einen Plan, mit dem wir arbeiten. Aber seit diesem Tag hat Michel ein Veto-Recht. Manchmal lohnt es sich auf jeden Fall, sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen und seinem Pferd zuzuhören.

Bild: Copyright by Gerhard Bleicher