Es gibt ein paar Themen, die unter Reitern und Pferdefachleuten immer wieder heiß diskutiert werden. Eins davon ist das Reitergewicht. Ihr könnt Bilder von mir auf unserem Blog sehen und ihr wisst, dass ich reite. Deshalb möchte ich euch meine Sicht auf dieses Thema gleich zum Start unseres Blogs erklären.

Darüber reden wir

Das Grundproblem ist natürlich klar: ein Pferd kann erheblichen Schaden nehmen, wenn es dauerhaft zu einer Überlastung kommt, egal welcher Art. Ein Reiter, der für sein Pferd zu schwer ist, erzeugt diese Überlastung ganz unweigerlich. Die Frage, welches Pferd wie viel Gewicht tragen kann, können wir hier nicht klären. Die Meinungen dazu gehen sehr weit auseinander, von der 10% – Regel bis hin zu „kann bis zu 20% gehen“ (gemeint ist damit, dass der Reiter max. XX% des optimalen Körpergewichts des Pferdes wiegen sollte).

Ich reite mein Pferd Michel. Ich reite auch unseren Norweger Merlin (den ich euch noch vorstellen werde). Und ab und zu auch Abby. Ich bin mir meiner Verantwortung für die Gesunderhaltung der Pferde bewusst, und das sollte für uns Pferdeliebhaber das oberste Gebot sein. Insbesondere für kräftige Kaltblutreiter spielt das Thema eine Rolle, da Kaltblüter oft fälschlicherweise als Gewichtsträger angesehen werden. Wir müssen genau hinschauen, ob das Gebäude und besonders der Rücken unserer Kalten die Belastung verträgt. Eigentlich muss jeder Reiter das tun, denn es spielt keine Rolle wie stabil das Pferd aussieht. Es gibt zierliche Vollblüter, die mit schweren Reitern kein Problem haben, und es gibt stabile Warmblüter, bei denen die Probleme mit mehr als 50 Kilo auf dem Rücken vorprogrammiert sind. Dennoch: schwere Reiter haben auf dieses Thema besonders zu achten.

Michels Rücken

Von seinem Gebäude her ist Michel durchaus dafür geeignet, auch schwere Reiter zu tragen. Allerdings ist Michel PSSM-Einzelgenträger (mehr dazu findet ihr in Judiths Artikel), was die Muskulatur der Pferde in Mitleidenschaft ziehen kann. Als wir noch keine Diagnose hatten, waren wir mit unserer Trainerin, unserer Osteopathin und dem Tierarzt in einer Art Dauerkonferenz. Ständig hatte Michel Verspannungen, litt an Muskelverhärtungen, und kaum hatten wir ein „Go“ zum Reiten von allen Beteiligten konnte man spüren, wie er sich unter dem Sattel verkrampft hat, bis das Spiel von vorne losging. In dieser Zeit habe ich viel über das Thema Gewicht nachgedacht. Ich war nicht mehr sicher, ob Michel mich tragen sollte. Die PSSM-Diagnose hat uns sehr geholfen, da wir durch eine konsequente Umstellung der Ernährung, des Trainings und der Haltungsform dafür sorgen konnten, dass diese Probleme komplett verschwunden sind. Dennoch wissen wir nun, dass sein Rücken der Schwachpunkt ist, und da wir nicht vorhersagen können ob und wann Michel wieder Probleme mit der Muskulatur bekommt, habe ich mich dazu entschlossen, ein paar Regeln aufzustellen, die ich künftig für mich als schweren Reiter im Umgang mit jedem Pferd genau beachte.

Die 7 Grundsätze

Grundsatz 1: Unterricht für den Reiter

Ich bin, wie ihr wisst, als Wiedereinsteiger zur Reiterei gekommen. Daher nehme ich wenn möglich wöchentlich, mindestens aber zwei Mal im Monat bei unseren Trainern Reitunterricht. Ein guter Sitz hilft jedem Pferd, für schwere Reiter erachte ich die regelmäßige Überprüfung und Weiterentwicklung der eigenen Reitkünste als unumgänglich. Dieser Punkt ist mit ein Grund dafür, dass wir uns mit der akademischen Reitkunst auseinandersetzen, da die klassische Gymnastizierung des Pferdes darin eine vorrangige Rolle spielt. Mir ist auch wichtig, dass die Profis an meiner Seite mir ohne Blatt vor dem Mund die Meinung sagen, wenn etwas nicht stimmen sollte.

Grundsatz 2: Unterricht für das Pferd

Michel befindet sich reiterlich sowieso noch in der Ausbildung und hat daher regelmäßigen Beritt. Unser Merlin hat mindestens einmal im Monat Korrekturberitt. So möchte ich sicherstellen, dass regelmäßig auch vom Sattel aus von einem Profi überprüft wird, ob es Unstimmigkeiten gibt.

Grundsatz 3: Arbeit mit dem Pferd

Die Art der Ausbildung meiner Pferde bildet den dritten Grundsatz. Ich reite Michel ein- bis zweimal pro Woche. Die restliche Zeit verbringen wir mit Bodenarbeit nach Grundsätzen der akademischen Reitkunst. Hier legen wir insbesondere Wert auf die Lockerung und Kräftigung der Muskulatur und auf die Stärkung der Hinterhand. Wir gehen gerne lange im Gelände spazieren (nicht im Sattel). Außerdem läuft Michel vor der Kutsche. Genau das gleiche gilt für Merlin, er wird zwei bis dreimal die Woche von meiner Tochter geritten und an sonsten kutschiert oder am Boden gearbeitet. Die Vielseitigkeit der Arbeit ist mir wichtig, nicht nur um Langeweile zu vermeiden, sondern auch um möglichst unterschiedliche Trainingsreize zu setzen, die Muskulatur gezielt zu stärken und so die Gesundheit der Pferde aufrechtzuerhalten.

Grundsatz 4: Medizinische Checks

Regelmäßige medizinische Checks sind bei uns fix im Terminkalender verankert. Meine Pferde werden halbjährlich der Osteopathin und dem Tierarzt vorgestellt. Sobald unsere Trainer auch nur den Hauch eines Verdachts äußern, wird unser „Gesundheitsteam“ hinzugezogen. Auf diese Weise stelle ich sicher, dass Anzeichen für etwaige Schwierigkeiten frühzeitig erkannt werden.

Grundsatz 5: Auf die Pferde hören

Auf sehr subjektivem Gebiet befinde ich mich mit dem fünften Grundsatz, der sich bei diesem Thema vielleicht etwas ironisch anhört: ich höre auf mein Bauchgefühl. Wer sein Pferd kennt und sich auf dieses Lebewesen einlässt, der kann auch hören, wenn es etwas zu sagen hat – auf welche Weise auch immer. Sowohl Michel als auch Merlin zeigen mir sehr deutlich, wenn sie mich nicht auf ihrem Rücken haben wollen. Auch beim Reiten höre ich auf meinen Bauch. Habe ich das Gefühl, dass etwas nicht rund läuft, steige ich ab.

Grundsatz 6: Fitness für den Reiter

Nicht immer nur auf das Pferd zu schauen ist mein sechster Grundsatz. Eigentlich wissen wir alle, wie wichtig es ist, sich als Reiter fit zu halten – auch abseits vom Pferderücken. Für gewichtige Reiter sollte das zu den Basics gehören, denn Reiten ohne entsprechende Muskulatur, Körperspannung, Balance und Kondition ist einfach schwer, und wir Schweren machen es dem Pferd damit nur noch schwerer. Klar, oder? Ich liebe die langen Spaziergänge mit Michel, sein Grundtempo muss man zu Fuß erstmal mitgehen können. Ich bin überzeugte Yogini, meine Yogamatte ist mein geheimer Rückzugsort. Dort komme ich nicht nur zur Ruhe, sondern finde ein wunderbares Gefühl für meinen Körper und kann gezielt kräftigen, mobilisieren und lockern. Und ich habe das Schwimmen für mich entdeckt. Das hält nicht nur fit, sondern zeigt einem ganz deutlich die eigene Schiefe – versucht mal, euch bei (korrektem) Brustschwimmen völlig symmetrisch zu bewegen. Das klingt fast so wie die Bodenarbeit mit meinen Pferden: mobilisieren, kräftigen, lockern, geraderichten. Für den Reiter sollte im Grunde das gleiche gelten.

Grundsatz 7: die Ausrüstung

Darauf sollte nun wirklich jeder Reiter achten, die schweren Reiter ganz besonders. Ein gut passender und regelmäßig vom Profi gecheckter Sattel ist Pflicht. Als XL-Reiter sollte man auch unbedingt auf die Sattelgröße achten. Ist die Sitzfläche zu klein kann das Gewicht nicht richtig über den Sattel verteilt werden und lastet punktuell auf dem Pferderücken. Für das Reiten ohne Sattel habe ich ein Pad mit spezieller Polsterung gekauft, das nur sehr sparsam zum Einsatz kommt (zumindest bei mir, Michels Trainerin liebt es). Filz- und Fellsättel ohne entsprechende Polsterung kommen für mich nicht in Frage.

Gedanken zum Schluss

Mir ist klar, dass nicht jeder meine Meinung zu diesem Thema teilt. Genauso wie jeder selbst entscheiden muss, welche Trainingsmethoden er anwendet, für welche Haltungsform er sich entscheidet und welche Reitweisen er verfolgt (auch da gibt es Dinge, die nicht unbedingt förderlich für die Pferdegesundheit sind), muss auch jeder mit seinem Gewissen und insbesondere der Verfassung des Pferdes ausmachen, ob das Gewicht passt oder nicht. Natürlich hat auch das seine Grenzen, die sind aber so individuell, dass diese Frage nur von jedem Reiter selbst beantwortet werden kann. Für mich ist hier insbesondere die ehrliche Meinung unserer Trainerin sehr wichtig.

Vielleicht helfen meine persönlichen Grundsätze für den Umgang mit dem Reitergewicht dem ein oder anderen Reiter, diese wichtige Frage für sich selbst etwas klarer beantworten zu können. Wer sich selbst nicht in den Vordergrund stellt und die Bedürfnisse und Signale seines Pferds wirklich gelten lässt, ist meiner Ansicht nach auf einem sehr guten Weg zu einem verantwortungsvollen Umgang mit seinem Pferd.

Bild: Copyright by Christine Munker