Raus aus dem Sattel, rauf auf den Bock

Als Pferdebesitzer stellt man sich regelmäßig die Frage, wie man sein Pferd möglichst sinnvoll und gesunderhaltend beschäftigen kann. Es gibt mittlerweile eine schier ungreifbare Anzahl an Seminaren und Workshops, die uns verschiedenste Möglichkeiten des Trainings, des gemeinsamen Zeitvertreibs und der weiteren Ausbildung näherbringen. Bodenarbeit und die Arbeit unterm Sattel stehen dabei deutlich im Vordergrund. Es gibt allerdings eine wunderbare Alternative dazu: der Fahrsport.

Das Kutschieren ist mittlerweile ein bisschen aus der Mode geraten. Noch vor einhundert Jahren haben Kutschen das Straßenbild dominiert und waren das einzig praktikable Verkehrsmittel der Zeit. Heute sieht man sie fast gar nicht mehr, außer an touristischen Hotspots wie beispielsweise in Wien oder im Watt bei Cuxhaven. Vielleicht ist das notwendige Knowhow für Pferd und Fahrer und natürlich auch die richtige Ausrüstung ein Grund, warum viele vor diesem wunderbaren Sport zurückschrecken. In der Regel werden die Pferde hauptsächlich geritten, das Kutschieren als zusätzliche „Bewegungsform“ ist dann schlicht zu aufwändig. Zu Unrecht, denn hier handelt es sich nicht nur um eine zusätzliche Trainingsform, sondern um eine sehr vielseitige und spannende Art, sein Pferd zu wirklich effektiv zu arbeiten und ihm eine artgerechte Beschäftigung zu ermöglichen. Nicht selten entdeckt man in schwierigen Reitpferden ungeahnte Talente vor der Kutsche, und so manches schwer zu handelnde Energiebündel kann sich bei langen Ausfahrten endlich so richtig auspowern und steht am Ende des Tages zufrieden im Stall.

Die Intensität des Trainings ist tatsächlich vom Sattel aus kaum zu erreichen, und das tut unseren Pferden wirklich gut. Bei den meisten Freizeitpferden liegt die Arbeitsintensität grundsätzlich im Bereich der leichten Arbeit. Auch für Sport- und Turnierpferde trifft die „mittelschwere Arbeit“ nur bei intensiven Trainingseinheiten zu, in denen über eine Stunde hinaus konzentriert und fordernd gearbeitet wird. Meistens begrenzt schon die Zeit, die uns zur Verfügung steht, die Trainingseinheiten auf diesem Niveau.

Mit dem Einstieg ins Kutschieren öffnet sich eine Welt für uns, die ähnlich vielseitig ist wie die der Reiterei. Wer sein Pferd vor die Kutsche spannt, braucht eine gute Portion Beziehungsarbeit oder Horsemanship, muss sich mit Fahrweisen und Technik auskennen und kann – wenn es mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung sein soll – an verschiedensten Wettbewerben in unterschiedlichsten Disziplinen teilnehmen: vom Geländeparcours bis zu Traditionsfahrten ist alles möglich. Auch den geschichtlichen Aspekt des Kutschierens sollten wir nicht vergessen, wir sprechen hier von einem wahren Kulturgut und einer echten Wissenschaft, wenn man denn so tief eintauchen möchte. Oder eben einer tollen Art gemeinsam Zeit zu verbringen, wenn man einfach nur fahren will.

Mich selbst hat das Kutschieren früher gar nicht angesprochen. Ich komme aus der Reiter-Ecke, und habe eigentlich mit reiterlichen Themen und Bodenarbeit ausreichend Beschäftigung für meinen Michel und mich. So hätte das auch bleiben können, wäre da nicht mein Mann gewesen. Er war früher nur selten am Stall und hat sich als Löwenzahn-Pflücker bei Michel beliebt gemacht. Doch der Pferde-Virus hat auch ihn erwischt, als Mittel der Wahl stand für den Nicht-Reiter die Kutsche im Vordergrund. Zwischenzeitlich sind wir beide Inhaber des Fahrabzeichens 5 und des Kutschenführerscheins A, und wir haben Michel und Merlin erfolgreich vor die Kutsche gebracht und zu sehr entspannten und feinen Kutschpferden gemacht. Mit Michel ist für diesen Sommer die erste kleine Wanderfahrt geplant, geradeaus Richtung Abenteuer.

Wie wir die Ausbildung von Kutscher und Pferd angegangen sind, welche Entscheidungen dabei zu treffen sind und auf was man unbedingt achten sollte könnt ihr in meinem Artikel „Die wichtigsten Schritte für den erfolgreichen Einstieg in den Fahrsport“ in der PDF-Datei nachlesen.