In der Ruhe liegt die Kraft

An kaum einer Stelle wird die Unumstößlichkeit dieses Sprichworts so deutlich wie in der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch. Und genau an dieser Stelle geht unheimlich viel schief: gestresste Menschen, nervöse Pferde, Kommunikationsschwierigkeiten, das allgegenwärtige Smartphone oder gesprächsfreudige Mitstreiter sind nur ein paar Beispiele, die uns allen bestens bekannt sind. Das Ergebnis ist, genau betrachtet, allerdings fatal: unsere Pferde werden fast zur Nebensächlichkeit. Unsere Message kommt beim Pferd nicht an, wenn wir nicht bei der Sache sind. Wir nehmen den „Zustand“ des Pferds nicht wirklich war. Nichts will so funktionieren, wie wir uns das vorgestellt haben, und im schlimmsten Fall werden wir wütend.

Kaltblüter – so cool wie sie aussehen?

Ein Kaltblut lässt sich ja zum Glück nicht so schnell aus der Ruhe bringen – würde man meinen. Natürlich kann man nie alle Pferde einer Gattung über einen Kamm scheren. Bei vielen unserer großen Wegbegleiter habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass sie deutlich sensibler sind, als sie aussehen. Im Gegensatz zu ihren blütigeren Kollegen sieht man ihnen die Aufregung einfach oft nicht an oder bemerkt den tatsächlichen Zustand nur, wenn man sie wirklich gut kennt und – Achtung – bei der Sache ist. Gerade bei unseren Kaltblütern, die uns in der Regel nicht durch Zappeln, Rennen oder vielleicht sogar Steigen darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt, liegt es an uns ganz fein hinzuhören und die Zeichen zu sehen. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass selbst die deutlichsten Signale von so manchem Pferdebesitzer im Eifer des Gefechts nicht erkannt werden. Für unser Training ist eine ruhige und konzentrierte Arbeitsatmosphäre ist umso wichtiger.

Wie passt das zusammen? Unsere Kaltblüter mit ihrer stoischen Ruhe, die auf Festzügen so entspannt wirken als wären sie gerade aus dem Wellnessurlaub gekommen, sollen beim Training so sensibel sein? Exakt. Das Zauberwort heißt „Beziehung“. Kaltblüter sind sehr auf ihren Menschen bezogen. Haben sie einmal das Vertrauen zu ihm gefunden, lassen sie sich so schnell von nichts beeindrucken – vorausgesetzt, ihre Bezugsperson gibt keinen Anlass zur Sorge. Wir Bayern kennen den Urtyp des „Rosserers“, ein Kerl wie ein Fels, der beim ersten Anblick schon deutlich vermittelt dass ihn niemals irgendetwas aus der Ruhe bringen wird. Ein ruhiger, entspannter Umgang mit den Vertretern der großen Rassen ist also der Schlüssel zum Erfolg. In dieser Atmosphäre fällt ihnen Arbeit und Lernen leicht.

Was uns und unsere Pferde ablenkt

All die Ablenkungen, die Anspannung und der Stress, die uns im Stall oft begegnen oder die wir von zu Hause oder aus dem Büro mitbringen, sind also alles andere als zielführend in der Zusammenarbeit mit unseren Pferden. Schauen wir einmal genau hin, was uns so alles stören kann:

  • Hektik, Stress und Zeitdruck aus dem Alltag.
  • Ärger und Sorgen.
  • Das Smartphone.
  • Der aktuelle Stallgassentratsch.
  • Eine unruhige Arbeitsatmosphäre.

Die Liste kann jeder für sich weiterführen, wir sind sicher noch nicht am Ende. Über eine Sache haben wir allerdings noch nicht gesprochen: das Pferd. Unsere Vierbeiner haben nämlich exakt das gleiche Problem wie wir. Sie haben Stress, sie haben Ärger, vielleicht tut etwas weh oder sie sind abgelenkt durch Dinge, die gerade rundherum passieren. Sie sind müde, weil die Nacht stürmisch war und vielleicht auch noch sauer, weil der Koppelkollege den größten Löwenzahn erwischt hat. Das schwierige daran ist nur, dass wir davon keine Ahnung haben. Wir treffen auf unser Pferd und wissen im ersten Moment nichts davon. Wir kennen nur unseren Plan – von dem wiederum weiß unser Pferd nichts (und will vielleicht auch manchmal gar nichts davon wissen).

Damit eine Zusammenarbeit funktionieren kann, müssen wir herausfinden, wie es unserem Pferd geht. Und wir müssen ihm erklären, was wir von ihm wollen. Dazu müssen wir kommunizieren, und da wir uns nun mal nicht unterhalten können, müssen wir unsere Körper nutzen und die Reaktionen unserer Pferde interpretieren. Wir wissen alle, dass Pferde auf die feinsten Signale in unserer Körpersprache, Stimmlage und Mimik reagieren. Und wir wissen wie mächtig sich unsere Körpersprache verändert, wenn wir unter Stress stehen oder Ärger haben. Für unsere Pferde sind wir in der Anspannung nur noch schwer zu verstehen. Wenn wir auch noch abgelenkt sind, versuchen wir nicht einmal mehr, mit unseren Pferden zu kommunizieren oder – noch schlimmer – ihre Nachrichten zu entschlüsseln. Drastisch gesagt behandeln wir unsere Pferde in solchen Momenten als wären sie ein Fahrrad, dass man nach einer Tour schnell mit dem Schlauch abspritzt. So finden wir keinen Zugang, keine Basis für eine wirklich sinnvolle Zusammenarbeit und keine vertrauensvolle Bindung.

Was ist zu tun? Wenn wir ernsthaft kommunizieren wollen, müssen wir ruhig, konzentriert und voll bei der Sache sein. Dann können wir auch unseren Pferden helfen, ruhig und entspannt zu werden, können ihre Signale deuten und ihre Reaktionen auf das, was wir von ihnen wollen, richtig interpretieren. Wir können zusammen arbeiten, miteinander lernen, und das tun, wozu wir eigentlich da sind: eine gute Zeit miteinander haben.

10 Tage – 10 Ideen: für mehr Ruhe und Konzentration

Wie kriegen wir das nun am besten hin? Wie schaffen wir es, den ewigen Zeitdruck zu durchbrechen, Alltagssorgen zu Hause zu lassen, uns nicht ablenken zu lassen? Wie werden wir beim Training zum Ruhepol für unsere Pferde und können ihre Signale entspannt lesen?

Wir nehmen euch mit auf einem Streifzug durch die Themen, die uns persönlich bei der Arbeit mit unseren Pferden beeinflussen. Zehn Tage lang schauen wir uns jeden Tag einen anderen Aspekt an, untersuchen unsere Gewohnheiten, üben uns im Entspannen und überlegen, wie wir die Kommunikation mit unseren Pferden ruhiger gestalten und besser zuhören können. Manchmal haben wir kleine Hausaufgaben für euch, manchmal regen wir euch nur zum Nachdenken an. Die Infos dazu findet ihr jeden Tag in unserem Blog. Ihr könnt euch die Inhalte gleich vornehmen, oder z.B. kleine Aufgaben für den nächsten Tag einplanen, oder wann es eben für euch passt. Und natürlich könnt ihr auch nur die Dinge aussuchen, die euch sinnvoll erscheinen.

Am Dienstag, den 03. März starten wir. Folgt uns auf Facebook oder Instagram, damit ihr nichts verpasst!