Durchschaut

Pferde durchschauen uns. Sie sind Meister im entziffern unserer Körpersprache, sie interpretieren jede kleine Geste, sie erkennen jede Anspannung. Sie reagieren auch sehr intensiv auf die Energie, die wir ausstrahlen. Sie lassen sich von uns schlicht nichts vormachen. Wir können uns noch so sehr bemühen, ruhig und entspannt zu wirken – wenn wir es nicht sind, lächeln Pferde höchstens milde über unsere Schauspielversuche.

Wir können sie nicht annähernd so gut täuschen wie die meisten unserer Mitmenschen. Im Gegenteil, wir sorgen dafür im Zweifelsfall für noch mehr Durcheinander. Wenn wir uns verstellen, senden wir widersprüchliche Nachrichten. Unsere Stimme scheint dem Pferd ruhig und entspannt zu sein, aber der Körper ist angespannt, auch der Gesichtsausdruck passt nicht dazu. Die vierbeinigen Routiniers in unseren Ställen haben gelernt, dass von nicht-interpretierbarem Menschenverhalten zunächst keine Gefahr ausgeht. Sie ignorieren uns im Zweifelsfall einfach, was das Training allerdings nicht besser macht. Stallbewohner, die sensibler auf unsere irreführenden Verhaltensweisen reagieren, verunsichern wir. Sie werden genauso gestresst wie wir. Es reicht eben nicht aus, nur ruhig und entspannt zu wirken

Wir haben die Wahl. Wollen wir einen Trainingspartner, der je nach Veranlagung längst abgeschaltet hat oder durch unser Verhalten nervös und spannig wird? Oder entscheiden wir uns für ein entspanntes, kooperatives Gegenüber? Letzteres wäre gut, denn Stress und Nervosität machen unsere Pferde genauso krank wie uns. In der Ruhe liegt die Kraft.

Die Suche nach der neutralen Zone

Was uns dabei hilft, ist eine neutrale Zone in uns selbst. Eine Zone, aus der wir Emotionen und Einflüsse von außen so gut wie möglich heraushalten können, in der wir selbst Entspannung finden. Und wir brauchen Wege, die uns dort hinbringen. Doch wie schaffen wir es, all die Dinge, die unsere Emotionen im Alltag wecken, plötzlich auszublenden?

Gehen wir noch einen Schritt weiter zurück. Bevor wir uns damit beschäftigen, wie wir Störfaktoren ausblenden können, müssen wir uns zuerst klar darüber werden, was wir eigentlich alles mit zu unserem Pferd tragen und was dort noch zusätzlich auftauchen kann. Unsere Gefühle sind zu mächtig, als dass wir sie einfach so wegwischen könnten. Das ist auch gut so, denn so manche Regung in uns ist durchaus lebenswichtig, und unsere Emotionen machen uns zu dem, was wir sind. Aber was davon hindert uns daran, partnerschaftlich mit unserem Pferd zusammenzuarbeiten? Was lenkt ab? Was beschäftigt uns?

Detektivarbeit

Jetzt seid ihr dran! Schaut euch an, was euch in Hektik und Stress versetzt, und was davon mit euch beim Pferd ankommt. Wer gleich morgens in den Stall gehen kann, ist vielleicht noch entspannt und konzentriert. Wenn die Nacht kurz war, weil das Kind nicht schlafen wollte, einen Beziehungssorgen plagen und der verhasste Zahnarztbesuch nach dem Reiten ansteht, ist allerdings von tiefer Entspannung auch morgens nichts zu sehen. Steht dann auch noch das Auto der Miteinstellerin auf dem Parkplatz, die am laufenden Band quasselt und im Grunde alles besser weiß, kippt die Stimmung vollends. Wer Abends erst in den Stall kommt, hat schon einen ganzen Tag in den Knochen. Vielleicht ist der Stallbesuch ein krönender Abschluss? Vielleicht hat man sich aber auch mit den Kollegen gestritten, einen Interessenten an die Konkurrenz verloren, einen Platten im Fahrrad gehabt und mal wieder nicht auf die Uhr geschaut, so dass es jetzt schnell gehen muss. Auf dem Weg in den Stall müssen wir schnell die Eltern anrufen, die schon den ganzen Tag Nachrichten schicken, einen wichtigen Brief einwerfen und den Autofahrer vor uns verfluchen, der bei jeder dunkelgrünen Ampel stehenbleibt.

Ihr habt sicher schon erkannt, um was es uns hier geht. Wenn ihr Störquellen abschalten wollt, müsst ihr sie erstmal identifizieren.

Die Hausaufgabe:

Vielleicht habt ihr ja Lust euch ein schönes Notizbuch zu besorgen, und darin alle Gedanken, Ideen und Tipps aufzuschreiben, die euch in den nächsten Tagen auf dem Weg hin zu mehr Entspannung und Ruhe um Zusammensein mit eurem Pferd in den Sinn kommen. Ihr könnt dieses Büchlein auch später noch nutzen, denn im Grunde müssen wir uns über viele Themen immer wieder Gedanken machen.

Nehmt euch Papier und Stift und schreibt ohne groß nachzudenken auf, was euch am meisten beeinflusst. Hier findet ihr ein paar Anregungen, macht aber gerne einfach weiter und geht in Gedanken alles durch, was euch stresst, ärgert, traurig macht, verängstigt. Schon bevor ihr im Stall ankommt, am Stall selbst, bei der Arbeit mit eurem Pferd oder auch danach stresst. Seid dabei so ehrlich wie möglich mit euch selbst. Es ist nicht schlimm, wenn man Angst vor bestimmten Situationen mit seinem Pferd hat. Es ist auch wichtig, beispielsweise das Thema Ehrgeiz ehrlich zu benennen, wenn daraus Stress resultiert. Hier geht es nicht darum, wie gut oder schlecht wir sind, sondern darum ehrlich mit uns selbst zu sein. Nur was wir beim Namen nennen, können wir auch beim Kragen packen.

  • Komme ich oft mit Zeitdruck an den Stall? Was löst den Zeitdruck aus?
  • Bin ich oft wütend oder regt mich etwas auf?
  • Bin ich nervös, wenn ich zu meinem Pferd fahre? Habe ich Angst? Wovor?
  • Wie sieht es mit Kummer und Sorgen aus? Was beschäftigt mich?
  • Thema Ehrgeiz: habe ich mir Ziele gesetzt, die mich unter Druck setzen?
  • Was ärgert mich am Stall?
  • Stallgassentratsch: was lenkt mich ab?
  • Wie gehe ich mit dem Smartphone im Stall und am Pferd um?
  • Stört mich etwas bei der Arbeit mit dem Pferd, z.B. laute Gespräche an der Bande?
  • Wie reagiere ich, wenn eine Lektion nicht klappt?

Schreibt einfach alles auf, was euch in den Sinn kommt. Am Ende werdet ihr feststellen, dass wir drei verschiedene Arten von Einflussfaktoren herausgefunden haben:

  • Dinge, die ihr selbst ändern könnt, wie z.B. den Umgang mit dem Smartphone als Ablenkungsquelle oder zu ehrgeizige Ziele.
  • Dinge, die ihr nicht oder nicht schnell ändern könnt, wie z.B. eine echte Angst vor dem Reiten oder andere tiefgehende Emotionen, die ihr gerade mit euch tragt.
  • Dinge, auf die ihr anders reagieren oder die ihr mit anderen zusammen ändern könnt, wie z.B. tratschende Stallkollegen oder zu viel „Verkehr“ in der Reithalle.

In den kommenden Tagen werden wir uns mit diesen Einflussfaktoren näher beschäftigen und uns überlegen, wie wir die einzelnen Themen anpacken können.

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