Nehmen wir mal an, wir sind völlig entspannt und ruhen in unserer Mitte. Nichts lenkt uns ab, nichts macht uns nervös, wir haben eine gute Beziehung zu unserem Pferd und vermitteln ihm die Sicherheit, die es braucht. Ist dieser traumhafte Zustand erreicht, scheiden wir selbst als Ursache für Stress und Nervosität aus. Ganz im Gegenteil, eine tragfähige Beziehung zwischen Pferd und Mensch sorgt gerade dafür, dass das Pferd Situationen und Dinge, die normalerweise Stress auslösen würden, gelassen hinnehmen kann.

Woher kommt der Stress?

Trotzdem werden wir feststellen, dass unsere Pferde an manchen Tagen nicht bei der Sache sind: unruhig, nervös, unkonzentriert, oder sogar wirklich aufgeregt und gestresst. Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältig. Es würde den Rahmen sprengen, hier im Detail auf alle Themen einzugehen, darüber haben schon viele Spezialisten ganze Bücher geschrieben. Dennoch wollen wir ein paar Faktoren aufführen, die schnell zu Stress und Verunsicherung bei unseren Pferden führen können:

  • Fressen: Futterwechsel, Futterkämpfe in der Herde, Umstellung der Fütterungszeiten …
  • Mangelerscheinungen
  • Schmerzen
  • Nicht artgerechte Haltung mit zu wenig Bewegung und Möglichkeit des sozialen Umgangs (auch nur vorübergehend, z.B. Boxenhaltung bei Verletzungen)
  • Machtkämpfe in der Herde, Änderung der Zusammensetzung der Herde
  • Trainingsmethoden, z.B. bei körperlicher oder mentaler Überforderung oder Unterforderung
  • Unruhige Umgebung, zu viel Ablenkung
  • Schlafmangel

Stress kann allerdings auch sehr individuelle Auslöser bei Pferden haben. Die Ursachen sind oft in der Vergangenheit zu suchen, die wir allerdings nicht immer kennen. So gibt es beispielsweise Pferde, die vor einem bestimmten Typ Mann Angst haben, auf bestimmte Fahrzeuge reagieren oder gewisse Geräusche nicht ertragen können. Mein Wallach Michel mag beispielsweise keine lauten Menschen in seiner Umgebung, man kann ihm förmlich dabei zuschauen wie die Anspannung wächst. Er reagiert auch unheimlich sensibel auf negative Stimmungen, wird in der Nähe Ärger oder Streit ausgetragen erstarrt er regelrecht. Zu sehen ist das nur für Menschen, die ihn wirklich gut kennen.

Wollen wir herausfinden, warum unser Pferd Stress hat, ist also eine gute Portion Detektivarbeit notwendig, da die Ursachen sehr unterschiedlich sein können. Je besser wir unsere Pferde kennen, desto leichter tun wir uns damit die Gründe zu entdecken und vor allem schwierige Situationen zu entschärfen oder diese mit dem Pferd bis zu einer entspannten Vorgehensweise zu trainieren. Dazu ist wieder unsere volle Aufmerksamkeit und Konzentration gefragt und eine ruhige und besonnene Ausstrahlung. Ihr merkt schon, wir drehen uns im Kreis. Cooler Reiter – cooles Pferd.

Stress erkennen

Wie erkennen wir nun, ob unser Pferd Stress hat? Dafür gibt es eine ganze Menge von Anzeichen und Signalen, die wir nur richtig interpretieren müssen. Das Problem: es kommt wie immer drauf an. Auch hier gilt, was wir schon oben geschrieben haben. Die Anzahl der möglichen Stressindikatoren bei Pferden ist quasi unendlich, insbesondere wenn wir individuelle Zeichen und Signale mit in diese Liste aufnehmen. Daher möchten wir hier nur eine Auswahl an typischen Anzeichen für Stress oder Angst nennen:

  • Zusammengepresstes Maul
  • Harte Lippen / Unterlippe
  • Wangenmuskulatur angespannt
  • Dreiecksfalten über dem Auge
  • Tänzeln / Trippeln
  • Starke Muskelanspannung
  • Stoßweise Atmung, Atem anhalten
  • Aufgerissene Augen
  • Rückwärtsweichen
  • Hoch erhobener Kopf
  • Vermehrtes Äpfeln
  • Kauen
  • Schweif schlagen

Bei anhaltendem Stress müssen wir an dieser Stelle natürlich auch noch gesundheitliche Auswirkungen, wie z.B. Stoffwechselstörungen, Appetitlosigkeit, Magengeschwüre, Koliken, aber im Grunde jedes andere Symprom, für das es keine logische Erklärung gibt, anführen.

Wetten, dass ihr beim Punkt „Kauen“ ein bisschen erstaunt wart? Hier steigen wir in die „Kommt drauf an“ Thematik ein. Es gibt Grund dafür zu vermuten, dass das Kauen nicht nur ein Zeichen der Entspannung ist, sondern auch der Anspannung bzw. ein Versuch, eine vorhandene Anspannung abzubauen. Ähnlich verhält es sich mit dem Schweif, denn nicht nur das Schlagen, sondern auch ein eingezogener Schweif kann ein Zeichen für Stress sein. Es gibt allerdings auch Pferde, die immer häufig mit dem Schweif schlagen, und ein klemmiger Schweif könnte genauso bedeuten, dass das Pferd noch nicht richtig losgelassen ist.

Was das Pferd uns nicht zeigt

Hier kommen wieder unsere wundervollen Kaltblüter ins Spiel. Es ist nicht immer leicht, sie zu deuten, da sie oft nicht in der Art und Weise reagieren, die man von anderen Pferderassen kennt. Michel war in seinem ersten Jahr bei uns unheimlich aufgeladen. Typisch für einen Kaltblüter hat man es ihm äußerlich kaum angesehen. Ich kannte ihn auch einfach noch nicht gut genug. Natürlich ist mir aufgefallen, dass ich ihn nie mit hängender Unterlippe gesehen habe. Ich habe überlegt, warum er eigentlich immer dieses Dreieck über den Augen hatte, sogar in unheimlich entspannten Situationen. Man gewöhnt sich daran, so ist er eben. Ein bisschen sensibel, ein bisschen schreckhaft. Doch innerlich hat es bei ihm gebrodelt.

Unser Augenöffner war Michels Mauke. Wir hatten über das erste Jahr hinweg immer wieder mit Mauke-Schüben an allen vier Beinen zu kämpfen. Es wurden alle möglichen Auslöser untersucht, nichts wollte die richtige Erklärung liefern. Bis unser Tierarzt, der mit der Zeit ein echtes Auge für Michel entwickelt hat, auf die Idee der „Stress-Mauke“ gekommen ist. Tatsächlich konnten wir einen Zusammenhang zwischen den Mauke-Schüben und besonders stressigen Situationen erkennen. Das Problem: Michels Grundanspannung war zu der Zeit, als er zu uns kam, so hoch, dass er diese Spitzensituationen nicht mehr handeln konnte. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten haben wir sehr viel verändert und Michel dabei geholfen, seinen Stresspegel herunterzuschrauben. Für mich war es ein echtes Fest, zum ersten Mal die entspannt wackelnde Unterlippe an Michel zu entdecken. Die letzte Mauke ist schon über ein halbes Jahr her und erschien am Tag nach einem dieser Momente, in dem Michel wegen sehr negativer Stimmung in der Umgebung zum Stein erstarrt ist.

Funktioniert die Abkürzung?

An dieser Stelle passt die Beobachtung, die für mich der Auslöser zu unserer Artikelserie war, sehr gut ins Thema. Beim Surfen im Internet und in sozialen Medien stoße ich immer öfter auf Werbung für „Entspannungssäftchen“. Die Hersteller nehmen die aufkeimenden Frühlingsgefühle zum Anlass, um ihre Produkte als superschnelle Lösung für „spinnende“ Pferde zu präsentieren. Auf den Bildern sieht man Pferde, die beim Ausreiten oder auf Turnieren durchgehen oder steigen. Was uns dabei eingeredet werden soll, ist die Tatsache, dass unsere Pferde solche Verhaltensweisen aus reinem Übermut heraus zeigen und die Gabe eines wohlschmeckenden Safterls uns wieder zum Herrn der Lage macht. Ich kann nur an jeden Pferdebesitzer appellieren, sich nicht auf solche Versprechen einzulassen und bei nervösen oder gestressten Reaktionen des Pferds nie leichtfertig und ohne wirkliche medizinische und fachmännische Untersuchung des Sachverhalts auf diese Mittel zurückzugreifen. Ein Pferd geht nicht aus reinem Übermut durch, sondern weil eine Situation seinen Fluchtreflex extrem aktiviert hat.

Es kann durchaus Sinn machen, diese Reaktion für eine bestimmte Zeit zu unterdrücken. Die Motivation dahinter darf allerdings nicht sein, das Leben des Reiters angenehmer zu gestalten, sondern bestimmte Themen beim Pferd medizinisch oder psychisch auf diese Weise zu lösen. Wir dürfen solche Angebote nicht nutzen, um ein Pferd, mit dem wir nicht klarkommen, ruhig zu stellen. Vielmehr müssen wir genau herausfinden, warum das Pferd so reagiert und wie wir daran arbeiten können. Und wir müssen so ehrlich sein und prüfen, ob wir mit diesem Pferd zurechtkommen können oder die Angelegenheit einfach eine Nummer zu groß für uns ist.

Michel hat, bis er zu uns gekommen ist, in recht kurzer Zeit einige Stationen durchreist und war gesundheitlich angeschlagen. Heute wissen wir, dass diese kurze Episode in seinem Leben wohl ganz besonders seine Psyche in Mitleidenschaft gezogen hat. Am Ende war es ganz einfach zu viel für sein Pferdegemüt, und an den Auswirkungen hatten wir zu knabbern. In den ersten Monaten habe ich unseren Tierarzt öfter gesehen als die eigenen Eltern. Michel war nie böse, nie aggressiv, aber innerlich immer fluchtbereit. Neue Situationen haben ihn oft überfordert, wir kamen gar nicht so weit, dass er sich Dinge in Ruhe anschauen konnte. Wir haben viel verändert, was Haltung, Training und Fütterung angeht. Trotzdem blieb ein großer Teil seiner Unruhe. An dieser Stelle hat unser Tierarzt einen Futterzusatz zur Unterstützung empfohlen, mit dem wir Michel gezielt helfen konnten sein Anspannungsniveau zu senken. Wir haben lange damit gearbeitet, die meiste Zeit in sehr niedriger Dosierung. Vor ca. einem Jahr haben wir begonnen, Michel nur noch Fallweise in bestimmten Situationen damit zu unterstützen. Heute nutzen wir den Zusatz gar nicht mehr, denn er riecht sehr intensiv und ist für Michel inzwischen ein Stressauslöser geworden. Tatsächlich hat er eine Verbindung zwischen „Mittel im Futter“ und „beunruhigende Situation“ hergestellt. Wir brauchen es aber auch nicht mehr, denn wir haben inzwischen gute Lösungen dafür gefunden, uns mit neuen und herausfordernden Situationen zu befassen. Und sicherlich habe auch ich gelernt, besser mit einem so sensiblen Pferd wie Michel umzugehen.

Nur Hinschauen hilft

Für uns Kaltblutbesitzer ist es wirklich nicht leicht zu erkennen, ob unsere Pferde gestresst sind. So manches Mal hätte ich mir gewünscht, dass Michel einfach mal durchgeht wenn es ihm zu viel wird. Typisch für die schweren Rassen ist das allerdings nicht. Das bedeutet für uns, dass wir noch genauer hinsehen müssen, um die Anzeichen zu erkennen. Wir müssen unsere Pferde noch genauer beobachten um den Unterschied zwischen entspannt und nervös zu erkennen. Und wir müssen selbst so ruhig wie möglich sein, um eventuellen Stress nicht auf unsere eigene Unruhe zu schieben. Unsere Kaltblüter brauchen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, damit wir nicht übersehen, wenn es ihnen zu viel wird. Man sieht es Ihnen einfach nicht so leicht an wie so manchem Kollegen, der höher im Blut steht. Uns hat es sehr viel geholfen, Michel viel zu beobachten, auch auf dem Paddock oder auf der Koppel. Sein Verhalten in ruhigen Phasen zu erkennen hat uns gezeigt, wann er beginnt unruhig zu werden, auch wenn er noch äußerlich entspannt zu sein schien. Das kostet natürlich Zeit, das lässt sich allerdings nicht verhindern, wenn man sein Pferd wirklich kennen lernen will.

Wir brauchen also unsere ruhige und konzentrierte Aufmerksamkeit, und unserem Pferd Sicherheit zu geben und damit Stress zu reduzieren. Gleichzeitig nehmen wir so Anzeichen für Stress besser wahr. Nur dann können schwerwiegenden Problemen wie z.B. Koliken, Magengeschwüren oder aggressivem Verhalten gegenüber Menschen, die aus chronischem Stress resultieren, entgegenwirken. Und wir sorgen gleichzeitig für unsere eigene Gesundheit, denn ein gestresstes Pferd wird auch für uns zu einer nicht zu unterschätzenden Belastung.

Im Grunde ist doch alles ganz einfach. Wenn wir eine richtig gute Zeit mit unseren Pferden haben wollen, brauchen wir einfach mehr Ruhe und Gelassenheit. Logisch, oder?

Im nächsten Teil unserer Serie schauen wir wieder auf uns Pferdemenschen und sammeln ein paar Ideen dafür, die Zeit mit dem Pferd gleich vom Start weg ruhig anzugehen.