Es kommt, wie es kommen muss. Sobald die Wetterpropheten zum ersten Mal das „Ende der Schönwetter-Periode“ andeuten, wird in Deutschlands Pferdeställen die Regendecke zum Thema. Sollen wir unsere Pferde eindecken oder nicht? Während der eine sich noch schnell nach der angesagten Herbstfarbe umschaut, machen sich die anderen ans Imprägnieren und Flicken der vorhandenen Decken, die von den übermütigen Vierbeinern im Offenstall sowieso nach Herzenslust vermatscht und zerrissen werden. Überall wird die Frage aller Fragen diskutiert: deckst Du schon ein?

Ich decke nicht ein. Naja, vielleicht ein bisschen. Unsere Pferde stehen ganzjährig im Offenstall. Sie genießen es, sich im schönsten Gewittersturm in den Regen zu stellen und blühen erst so richtig auf, wenn die Temperaturen sich nach dem Sommer wieder der Null-Grad-Grenze nähern. Sie bereiten sich aktuell sehr enthusiastisch auf diese Zeit vor und entwickeln ein ganz prächtiges Winterfell, das von warmen Herbsttagen überhaupt nichts mehr hören will. Unser Fjordwallach Merlin, sonst eher bewegungsfaul, wird zum vierbeinigen Houdini und entledigt sich Decken jeder Art im Handumdrehen. Verständlich, mit Decke kann man sich auch nicht genüsslich im Schnee wälzen. Michel bleiben diese Fähigkeiten als Kaltblüter glücklicherweise verwehrt, denn er braucht tatsächlich ab und zu eine Decke. Allerdings nicht, weil es ihm zu kalt wäre, sondern weil er einen sehr temperaturempfindlichen Rücken hat, der keine großen Schwankungen verträgt. An den ersten kalten Tagen decke ich ihn daher ein, ist das Winterfell voll entwickelt und die Temperatur konstant kalt, braucht auch er keine Decke mehr.

Frieren Pferde?

Werfen wir einen Blick auf die Fakten. Die Wohlfühltemperatur von Offenstallpferden liegt zwischen -15 und +25 Grad Celsius. Dieser Temperaturbereich wird auch die thermoneutrale Zone genannt. Das bedeutet, dass die Pferde hier weder zusätzliche Nahrung brauchen, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten, noch Unterstützung durch Decken, sofern sie ihr Winterfell normal ausbilden können.

Jetzt kommt das berühmte „Kommt-drauf-an“ ins Spiel. Steht Dein Pferd in der Box, musst Du Deine Strategie natürlich anpassen. Normalerweilse sollte die Temperatur im Stall der Außentemperatur angeglichen werden, im Winter sollte es also drinnen genauso kalt sein wie draußen. In der Regeln ist das allerdings nicht der Fall. Wir treffen in vielen Ställen auf eine Mischung aus Pferden verschiedenster Rassen und Verwendungszwecke. Ein Vollblüter, der vielleicht aus Gewohnheit von sich aus wenig Winterfell entwickelt und im Winter geschoren wird, steht neben dem Haflinger, der den Sommer auf der Koppel verbringt und im Winter tagsüber auf sein Paddock geht. Man einigt sich also irgendwie: der Vollblüter bekommt eine Stalldecke, der Haflinger darf in der Nähe der Türe stehen, und wir Menschen wollen es im Stall ja auch nicht ganz so kalt haben. Pferde wie Michel, die mit Temperaturschwankungen nicht gut zu Recht kommen, brauchen dann ggf. auch draußen tagsüber eine Decke. Doch wehe, die Sonne lässt sich blicken. Dann sind die WhatsApp-Stallgruppen gefragt und die Suche nach dem, der am Stall ist und das Pferd ausdecken kann, geht los.

Mit Liebe selbstgemacht

Was hier passiert, hört sich nett an und ist mit Sicherheit in den allermeisten Fällen gut gemeint. Es ist jedoch im Grunde ein massiver Eingriff in die Natur der Pferde. Wir setzen durch unsere Maßnahmen die Thermoregulation außer Kraft. Diese ist seit Urzeiten dazu da, die Kerntemperatur der Pferde immer möglichst konstant bei ca. 38 Grad Celsius zu halten. Pferde können das wunderbar alleine, wenn wir sie nur lassen. Die Haut der Pferde ist hier das ausschlaggebende Organ: sie ist dafür zuständig, bei Wärme die Hitze abzuleiten oder bei Kälte die Körperwärme zu bewahren. Fakt ist, dass Pferden das abkühlen deutlich schwerer fällt als sich aufzuwärmen. Lassen wir unsere Pferde unter möglichst naturnahen Bedingungen leben, müssten wir uns also eher im Sommer Gedanken machen als im Winter. Pferde kommen mit Kälte definitiv klar. Halten wir die Pferde in zu warmen Ställen oder intervenieren mit Decken, wo sie nicht notwendig sind, so beeinflussen wir diese Thermoregulation stark. Wird das Winterfell geschoren, so ist die Thermoregulation komplett zerstört.

Wie bei vielen Themen ist es also wirklich wichtig, dass Du hier nicht zur Decke greifst, weil die neuesten Produkte in den Katalogen hübsch sind und es doch irgendwie richtig sein muss, wenn es alle machen. Du musst Dir wirklich gut und fundiert überlegen, ob es notwendig ist Dein Pferd zu scheren, Dein Pferd Nachts in die Box zu stellen (wenn es Alternativen dazu gibt) oder Dein Pferd einzudecken. Wo auch immer Du in die natürliche Regulation Deines Pferdes eingreifst, musst Du die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, um den nicht mehr richtig funktionierenden Temperaturausgleich Deines Pferdes „künstlich“ zu gewährleisten. Jeder Pferdebesitzer, der z.B. aus medizinischen Gründen eindecken muss, weiß, wovon ich spreche. Damit Dein Pferd gerade im Herbst und im Frühjahr nicht überhitzt sind sehr gut aufeinander abgestimmte Maßnahmen notwendig, und Du brauchst Unterstützung am Stall, wenn Du nicht selbst vor Ort sein kannst. Hier ist weniger definitiv mehr: lass die Decke weg, wenn Du sie nicht wirklich brauchst.

Ich selbst habe schon oft im tiefsten Winter von Spaziergängern den Hinweis bekommen, dass meine Pferde doch frieren müssten, bei dem Wetter, aber die kämen doch sicher Nachts rein. Nein? Wenn Dein Pferd in Robusthaltung lebt, solltest Du Dich wirklich nicht beirren lassen. Sprich mit dem Tierarzt oder Therapeuten Deines Vertrauens über eventuell gegebene medizinische Notwendigkeiten, und lass die Decke an sonsten im Schrank. Pferde haben wirklich sehr viele Jahre in ihrer Entwicklungsgeschichte ohne uns überlebt. Wenn Du ihnen ein so natürliches Lebensumfeld ermöglichst, wie im Offenstall, können sie sich recht gut um sich selbst kümmern.

Was wärmt wirklich?

Die Regendecke tut, was ihr Name sagt: Sie schützt das Pferd bei Regen davor, dass das Wasser das Fell durchnässt und auf die Haut durchdringt. Sie schützt sicher auch vor allzu garstigem kalten Wind, wenn das Pferd an einer zugigen Ecke steht. Aber kann sie auch wärmen? Theoretisch schon, denn natürlich hält sie die Körperwärme zurück. In der Praxis funktioniert das allerdings nicht. Das Pferd hat einen natürlichen Reflex, der bei Kälte zum Einsatz kommt und im Grunde an das Aufplustern erinnert, dass wir z.B. von Vögeln kennen. Sie können ihr Fell bewegen. Durch das Aufstellen oder Anlegen der Haare verändert das Pferd den Luftstrom, der auf die Haut gelangt, und bildet so ein Wärmekissen unter der äußeren Haarschicht. Die Regendecke verhindert das Aufstellen der Haare allerdings, so dass dieses Wärmekissen gar nicht erst gebildet werden kann. Der Wärmeeffekt der Regendecke selbst ist geringer als die Wärme, die durch das Aufplustern des Fells geschaffen wird.

Die Regendecke macht also dann Sinn, wenn es regnet. Aber auch hier brauchst Du sie eigentlich nur, wenn Dein Pferd nicht in der Lage ist das Wasser von der Haut fernzuhalten. Normalerweise produzieren Pferde eine Talgschicht, die genau diese Funktion übernimmt und das Wasser ableitet, so dass das Fell nicht komplett durchnässt. Wenn Du Dein Pferd intensiv bürstest, geht diese Talgschicht verloren. Natürlich sollst Du jetzt nicht aufhören, Dein Pferd zu putzen. Denke aber daran, dass es ausreicht den groben Schmutz zu entfernen und z.B. die Sattel- und Gurtlage richtig zu reinigen, damit hier keine Reibung entsteht. Wenn Dein Pferd – warum auch immer – täglich wie aus dem Ei gepellt aufmarschieren muss, hast Du hier natürlich keine Chance und musst mit der Decke regulierend eingreifen.

Wenn es warm sein soll, brauchst Du also eine Thermodecke. Die verhindert das Aufplustern des Fells zwar auch, schafft aber durch das Innenfutter ein künstliches Wärmepolster. Achte darauf, dass Du verschiedene Decken für verschiedene Temperaturregionen nutzt, wenn Dein Pferd diese Unterstützung wirklich braucht. Die leicht gefütterte Decke ist für kalte Nächte im Herbst geeignet, aber sicher nicht für Tage mit -20 Grad Celsius und wenig Sonne im Januar.

Zu heiß macht krank

Wie schon erwähnt kann Dein Pferd mit Hitze weniger gut umgehen als mit Kälte. Wenn Du nun durch das Eindecken dafür sorgst, dass es Deinem Pferd zu warm wird, fängt es unter der Decke an zu schwitzen. Es hat in dieser Situation keine Möglichkeit mehr, sich selbst abzukühlen. Allgemein gilt die Regel, dass Pferde zehn Mal schneller überhitzen als Menschen. Nimm Dein eigenes Empfinden also nicht als Grundlage. Wenn Dir im Büro auffällt, dass es inzwischen ja ganz schön warm geworden ist, hat Dein Pferd mit Decke auf der Koppel bereits ein massives Problem. Schwierigkeiten macht hierbei insbesondere die Tatsache, dass die Temperatur in der Muskulatur der Pferde meist höher ist, als die grundsätzliche Körpertemperatur. Liegt letztere z.B. aufgrund einer Überhitzung bei 39 Grad Celsius oder sogar höher, kann die Temperatur in den Muskeln bereits zwei bis drei Grad höher sein – ein Temperaturbereich, in dem die Proteine im Körper beginnen, sich zu zersetzen. Das Überhitzen kann nicht nur zu Muskelschäden, sondern auch zu Koliken, Nierenschäden und Kreislaufzusammenbrüchen führen.

Was tun?

Der beste Rat ist sicherlich, dass Du nichts tust, nur weil man es eben so macht. Schau Dir die individuelle Situation Deines Pferdes genau an und entscheide dann zusammen mit Deinen Ansprechpartnern.

  • Überprüfe die Haltungsbedingungen Deines Pferdes. Wo kannst Du dafür sorgen, dass die Haltung noch natürlicher organisiert wird als bisher?
  • Such das Gespräch mit dem Stallbesitzer oder der Stallgemeinschaft, sofern Dein Pferd in der Box steht. Wie wird der Stall gelüftet, welches Pferd steht in welcher Box? Vielleicht könnt ihr eine generelle Regel einführen, dass die Innentemperatur der Außentemperatur angeglichen sein soll, sofern es kein Problem mit dem Einfrieren von Tränken gibt.
  • Ist es wirklich notwendig, dass Dein Pferd geschoren wird?
  • Sprich mit dem Tierarzt oder Deinem Physiotherapeuten darüber, ob Dein Pferd eingedeckt werden soll, und wenn ja, wie. Denk an die Thermoregulation, Du brauchst ggf. gefütterte Decken.
  • Besprich am besten frühzeitig mit dem Stallpersonal oder den Miteinstellern, wie ihr das Ein- und Ausdecken organisieren könnt, so dass die Pferde bei spontanem Sonnenschein nicht überhitzen.

Wenn Du Dir über diese Themen Gedanken gemacht hast, bist Du der richtigen Deckenstrategie sicher schon einen großen Schritt näher. Denk bitte bei allen Entscheidungen daran, dass sie pro Pferd ausfallen sollten. Ich selbst bin auch begeistert, wenn mein Pferd sauber auf der Koppel steht, und mit Decke reduziert sich der Putzaufwand im matschigen Herbst gewaltig. Unsere Verantwortung für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Pferde muss aber auch hier im Vordergrund stehen.