Jede Jahreszeit hat ihre Tücken. Im Winter bleiben uns zwar nervende Mückenschwärme und sonstige Unliebsamkeiten erspart, aber er hat auch einiges für uns im Gepäck. Wir haben Temperaturen, die auch unsere Kaltblüter regelmäßig zu Vollblütern im Geiste werden lassen. Oder liegt es daran, dass die Bewegung auf der Koppel fehlt? Wir bekommen viel Zeit für gemeinsame Pflegeeinheiten am Putzplatz, um unter all dem Matsch herauszufinden, ob wir das richtige Pferd aus dem Offenstall geholt haben. Und wir dürfen endlich all unsere sündhaft teuren oder auch – wegen eher schneller Zerstörung – glücklicherweise günstigen Outdoorklamotten auf Wetterfestigkeit und Waschmaschinentauglichkeit testen.

Wenn zwischen all den Mitbringseln der Winterzeit dann endlich Training auf dem Programm steht, beginnt unsere Herausforderung von vorne: Wind und Wetter auf den Straßen, die früher Dunkelheit, geforene oder sumpfähnliche Reitplätze, und die Hallen sind immer voll. In diesem Winter stellt uns die Pandemie zusätzlich vor organisatorische Herausforderungen, z.B. durch Beschränkungen der Anzahl Reiter in den Reithallen und auf Plätzen. Auch feste Anwesenheitszeiten, kurze Zeitslots am Stall, Quarantänesituationen oder die fehlende Hilfe von Reitbeteiligungen, die zur Zeit teilweise nicht an den Stall kommen dürfen, fordern diesen Winter unsere Kreativität heraus.

Wir können uns bei allzu grusligem Wetter zum Glück unter ein Hallendach verkriechen – mit reitendem Kind äußerst praktisch. Zu tun gibt es genug: Bodenarbeit, Freiarbeit, und natürlich so manches Thema unter dem Sattel, das man längst einmal verfeinern wollte. Aber seien wir ehrlich: immer in der Halle, immer auf den gleichen Linien, fünf bis sieben Tage die Woche? Da kommt schnell langeweile auf und die Laune gleicht sich den Außentemperaturen an.

Egal, ob in der Halle oder auf dem Platz: Abwechslung heißt die Devise. Da fällt uns aus dem Stehgreif, mit einem Blick aufs Bücherregal und natürlich bei ein bisschen Recherche im Internet gleich jede Menge ein. Hier findet ihr ein paar Inspirationen.

Die Bodenarbeit

Für den ein oder anderen Reiter ist die Arbeit mit dem Pferd am Boden tatsächlich ein Fremdwort. Für uns ist es der Punkt, an dem wir die Grundlagen für alles andere legen. Dementsprechend vielseitig kann man das Training vom Boden aus gestalten und es würde unseren Rahmen sprengen, hier alle Varianten dieser wundervollen Arbeit mit dem Pferd aufzuführen. Die Winterzeit bietet sich vielleicht dazu an, die Kommunikation zu verbessern. Die richtige Reaktion des Pferdes auf die eigenen Signale der Körpersprache, der Stimme oder mit der Gerte kann gefestigt werden. Wenn „Stopp“ auch wirklich „Stopp“ heißt und das am Boden aus jeder Position und in jeder Situation gelingt, haben wir gute Chancen, dass unser Signal auch beim Ausritt im Sommer funktioniert, wenn wir es wirklich brauchen.

Wir können uns mit der Bodenarbeit auch ganz wunderbar an die Gymnastizierung des Pferdes wagen. Wenn die Pandemie einen Vorteil für uns Pferdefans mit sich gebracht hat, dann ist es die Tatsache, dass wir ganz sicher zu jedem Thema und für jeden Geschmack Videos und Onlinekurse finden, mit denen man einen guten Einstieg in neue Themen schafft. So schicken wir das Pferd am Boden in die Muckibude und können an Losgelassenheit, Stellung, Biegung und einer aktiven Hinterhand arbeiten. Gerade Übungen für die Hinterhand und die Bauchmuskulatur bieten sich für unsere Kaltblüter an, um ihr eigenes Gewicht und unseres obendrauf gut und gesunderhaltend durch den Sommer tragen zu können – und der kommt bestimmt! Eine gute Alternative ist hier auch die Equikinetic nach Michael Geitner, mit der auch Michel und Abby viel Muskulatur zugelegt und damals eine erste Idee von Biegung bekommen haben.

Gelassenheitsübungen

Sämtliche Versionen von Gelassenheits- oder Schrecktraining bieten sich ebenfalls als Abwechslung für die kalte Jahreszeit an – und helfen uns, wenn es dann voller Frühlingsgefühle wieder etwas übermotiviert auf die ersten Ausritte geht. Was auch immer ihr euch greifen könnt, konfrontiert eure Pferde damit. Steine in Plastikkanistern (die Behälter für destilliertes Wasser sind super) können neben dem Pferd rasseln, aber auch an den Longiergurt gebunden werden. Alte Bettlaken können wunderbare Bodenhindernisse werden oder als Flagge dienen. Müllsäcke an Besenstielen, Bälle, die leicht lädierten Planschbecken der Kleinen zu Hause, alte Geschirrtücher, Sternwerfer, zerknüllte Zeitungen – eurer Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Baut doch mit Stallkollegen zusammen – soweit erlaubt – einen kleinen Parcours auf, oder sprecht euch ab, so dass die einen aufbauen, die nächsten wieder abbauen. Dann hält sich der Aufwand auch in Grenzen.

Unterm Sattel – Hufschlagverbot

Meine Tochter und ich haben aktuell Hufschlagverbot. Wir gehören zwar grundsätzlich nicht zu denen, die einfach Runde um Runde um die Halle trotten, aber irgendwann erwischt man sich dann doch dabei. Seitdem sieht unser Training unter dem Sattel ganz anders aus. Da kommen Schlangenlinien in allen Formen vor, halbe Volten, Volten, Achter, kreative Handwechsel, und auch die MItte der Bahn bekommt wieder Bedeutung. Auf einmal brauchen Pferd und Reiter wieder Konzentration und oft die so wichtige korrekte Biegung. Genau diese Arbeit kann für unsere Kaltblüter sehr lösend sein und die Balance deutlich verbessern. Seitengänge und Schenkelweichen werden eingebaut – oder eben erst einmal geübt, wo sie noch nicht funktionieren. Wir arbeiten mit Gangartwechseln und Tempowechseln und bauen Stangen ins Training ein.

Natürlich machen wir das nicht alles auf einmal. Diese Arbeit ist für Pferde sehr anstrengend, wenn sie es nicht gewohnt sind. Unsere Kaltblüter tun sich oft auf engeren Biegungen schwer, und eine gerittene Acht oder auch Arbeit auf dem Zirkel in kleinen Hallen werden schnell zu einer Herausforderung für Konzentration, Balance und Muskulatur. Wir sollten an Pausen denken und das Training insgesamt nicht zu sehr ausdehnen. Ganz wichtig: Loben, loben, loben! Das motiviert auch die größten Hallenmuffel immer wieder und zeigt dem Pferd, dass es auch die vielleicht ungewohnten Übungen meistern kann.

Auf Youtube oder in diversen Facebookgruppen finden wir eine ganze Menge Anregungen, beispielsweise zur Stangenarbeit oder zum Einsatz von Pylonen oder Tonnen für das saubere Reiten von Hufschlagfiguren. Schaut bei allem, was ihr dort findet, ob die Übungen auch für Kaltblüter – oder besser: grundsätzlich für euer Pferd – geeignet sind. Wir wollen schließlich versuchen, unsere Pferde auch über den Winter bei Laune zu halten, und sie nicht mit Übungen nerven, die sie einfach unglaublich langweilig oder zu herausfordernd finden.

Here comes the sun!

Die Sonne scheint, die Wege sind eisfrei: jetzt aber raus! In der kalten und matschigen Jahreszeit ist es unheimlich entspannend für Pferd und Mensch, bei jeder Gelegenheit in die Natur zu gehen. Achtet dabei darauf, dass Pferde in der kalten Jahreszeit recht „knackig“ sind und den langen Feldweg furchtbar gerne entlangrennen möchten. Dazu kommt, dass sie weniger draußen sind als sonst, und die Umgebung gerne bei jedem Mal anders aussieht. Mal verschneit, mal matschig, oft kommt noch eine frische Brise dazu. Wer sich im Sattel dann nicht mehr wohl fühlt kann gerne in die Führposition wechseln. Pferde, mit denen auch im Winter regelmäßig gearbeitet wird und die eine feine Kommunikation vom Boden aus gelernt haben, sind dann in der Regel auch am Seil gut handelbar.

Alternativprogramm

Keine Halle in Sicht? Auch hier ist Kreativität gefragt. So lange die Wege nicht zu glatt sind, steht dann natürlich viel Ausreiten oder Spazierengehen auf dem Programm. Auch wenn der Boden auf dem Reitplatz, auf einem Hof oder großen Paddock oder auch auf einer ebenen Wiese gefroren ist, kann hier gearbeitet werden. Auf höhere Gangarten sollten man dann verzichten, aber gerade das Repertoire aus der Bodenarbeit lässt sich wunderbar durchführen. Auch Equikinetic ist eine echte Alternative für die Outdoorarbeit. Bei zu viel Schnee oder Matsch findet sich vielleicht auch eine Scheune oder ähnliches mit etwas Platz, so dass zumindest im Schritt vom Boden aus gearbeitet werden kann.

Wenn gar nichts mehr geht hilft nur noch eins: entspannt bleiben. Der tiefste Winter hat irgendwann ein Ende. Bis dahin dürfen wir dann zum Hobbymasseur unserer Pferde werden, und auch einfach mal auf dem Paddock oder in der Box ein paar Minuten zusammen sitzen. Es amüsiert mich immer köstlich das verblüffte Gesicht von meinem Michel zu sehen, wenn ich ohne Halfter auftauche und mal nicht mein Plan im Mittelpunkt steht, sondern seiner.